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3. Treffen in Berlin
Der Autor K. 0. Schmidt hat den Bericht persönlich von H. G. Scheffler erhalten und veröffentlicht. Ich gebe ihn in einer leicht gekürzten Fassung von Rudolf Passian wieder.
Als Soldat des Ersten Weltkrieges hatte Scheffler, ein Sprachlehrer aus Reutlingen, die furchtbaren Materialschlachten im Westen mitgemacht und war durch dieses grauenvolle Erleben an Gott irre geworden. Nach dem Kriege wandte er sich der Philosophie zu und war über Kant und Schopenhauer mit buddhistischem Gedankengut in Berührung gekommen. So wurde er auch mit der Reinkarnationslehre bekannt, die ihm sehr logisch schien. Nur hätte er gern Beweise gehabt und beschloss deshalb, den Weg des Yoga zu beschreiten. Er berichtet:
“Nach Jahren eines in strengster Askese geführten Lebens gelang es mir nach und nach, das seelische Prinzip in mir so weit zu kultivieren, dass es im Laufe der Zeit zunehmend die Herrschaft über den Körper gewann. Gemäß den Vorschriften des Yoga schritt ich nacheinander von einer zur andern der vier Versenkungsstufen.”
“Und eines Tages machte ich, in der Tiefe der vierten Versenkungsübung angelangt, wenn die Seele aus dem Körper tritt und nur noch ein zartes, ätherisches Band sie mit dem Körper verbindet, die ungeheuerlichste Erfahrung meines Lebens: In dem Augenblick, als ich, wie aus tiefer Bewusstlosigkeit erwachend, die Augen aufschlug, hatte ich ein Bild vor Augen; kein Erinnerungsbild, etwa wie man, am Morgen erwachend, sich des nächtlichen Traumes erinnert, sondern ein Nachbild, wie wenn man in die grelle Sonne geschaut hat, und dann noch eine ganze Weile das Nachbild der rotglühenden Sonnenscheibe vor Augen hat”.
In einer fast plastisch wirkenden Szene sah Scheffler klar und deutlich einen Mann, der als Gärtner in einem Schlosspark arbeitete. Es schien in Schottland zu sein. Auf der Hauptallee des Parks kam raschen Schrittes der Butler gelaufen, der dem Gärtner schon von weitem “Hallo, Duddley!” zurief. Als der Gärtner sich umwandte, und Scheffler nun dessen Gesicht sah, erkannte er - sich selbst! Scheffler erzählt weiter:
“Dieser Gärtner, dieser Duddley war ich! Und nun wusste ich auch plötzlich, es war das Jahr 1587. Das Schloss, in dessen Park ich beschäftigt war, lag nordwestlich von Edinburgh. Der Butler, aufs engste mit mir befreundet, teilte mir in hastigen Worten die Hinrichtung Maria Stuarts mit und knüpfte daran die Befürchtung von der möglicherweise zu erwartenden Gefangennahme des schottischen Barons, in dessen Diensten wir beide standen. Dann verschwamm das Bild allmählich, löste sich auf in einen welligen Dünenstrand, in dessen grauer Ferne ich den Butler und mich langsam verschwinden sah”.
Bis hierher könnte man die Erzählung als Traum, als Sinnestäuschung, als Selbstsuggestion oder ähnliches abtun, wenn nicht viele Jahre später, im Herbst 1926, folgendes passiert wäre:
Scheffler wohnte damals in Berlin und befand sich an einem stürmischen und regnerischen Spätnachmittag im Oktober auf dem Wege zum Schlesischen Bahnhof. Die breite Köpenicker Straße war wie leergefegt von Menschen. Sturm und Regen peitschten ihm ins Gesicht, aber weit und breit war kein Taxi zu sehen, mit dessen Hilfe er seinen Weg hätte abkürzen können.
Schefflers Gedanken waren bereits auf sein Reiseziel Breslau gerichtet, als ihn kurz vor dem Überschreiten der nächsten Querstraße unerklärlicherweise ein stark beunruhigendes Gefühl ergriff ... An der Ecke jener Querstraße angelangt, prallte er mit einem Herrn zusammen, der ebenfalls mit hochgeschlossenem Mantelkragen, seinen Regenschirm dicht über den Kopf haltend, in die Köpenicker Straße einbiegen wollte. Beide murmelten eine Entschuldigung und wollten aneinander vorbeihasten. Da begegneten sich ihre Blicke, und - wie Scheffler sagt: nicht aus dem Gehirn, sondern aus der Tiefe seines Unterbewusstseins drang die Gewissheit in ihm empor: “Du kennst ihn!”
Ihm schien, als wäre auch über des Fremden Gesicht ein plötzliches Erstaunen gehuscht, und als beide schon weitergegangen waren, schaute sich Scheffler nach ihm um. Auch der andere war stehen geblieben und drehte sich um. Beide gingen aufeinander zu und standen sich erneut gegenüber.
Scheffler stellte sich vor und sagte: “Verzeihen Sie, ich habe das Gefühl, als ob wir uns kennen. Ich weiß nur nicht, woher?”
Der Fremde nannte seinen Namen: “Dr. Thomas”, und sagte, er erinnere sich nicht, aber als er vorhin in diese Straße einbiegen wollte, noch vor der Ecke, also noch bevor er Scheffler gesehen habe, hätte er das Gefühl gehabt, dass gleich etwas Besonderes passieren würde. Und als dann der Zusammenprall geschah, wäre diese innere Spannung abgelöst worden von dem undeutlichen Bewusstsein: Das ist es!
Da nun dieser Ort, bei Sturm und Regen, für ein längeres Gespräch ungeeignet war, dachte Scheffler überhaupt nicht mehr an seine Reise und lud den Dr. Thomas in ein nahe gelegenes Café ein.
Sie waren die einzigen Gäste. Bald kam das Gespräch in Fluss, und der erste gemeinsame Interessenpunkt war die Philosophie. Dr. Thomas, von Beruf Kunsthistoriker, hatte sich viel mit außereuropäischen Weltanschauungen befasst und daraus die Überzeugung gewonnen, dass er schon verschiedene Male gelebt haben müsse. In Stunden tiefster Versenkung habe er gewisse Stadien früherer Existenzen deutlich wahrgenommen, und zwar nicht traumhaft, sondern wie in einer plastischen Schau.
Besonders aus einem Leben in Schottland, zur Zeit der Maria Stuart, wisse er, dass er dort als Haushofmeister eines schottischen Barons in der Nähe von Edinburgh gelebt habe. Er sei damals ebenso einsam gewesen wie heute und habe nur einen einzigen Freund gehabt, den Verwalter der großen Gartenanlagen des Schlosses. Ihn habe er immer über alle Neuigkeiten informiert, so z. B. über das tragische Ende der Maria Stuart.
“Atemlos”, so berichtet Scheffler, “hatte ich den Worten des Dr. Thomas gelauscht. Noch mit keinem Wort hatte ich etwas von meinem eigenen, gleichartigen Erleben gesprochen. Jetzt aber konnte ich nicht mehr an mich halten, ich unterbrach ihn und stellte die Zwischenfrage: ‘Erinnern Sie sich vielleicht noch, wie ihr damaliger Freund hieß?’ Die Antwort lautete: ‘Oh ja, ganz genau sogar: er hieß James Duddley!’”
Bestechend sind in diesem Falle die gleichen Erinnerungsinhalte bei zwei einander bislang völlig unbekannten Personen, so dass von einer Kollektiverinnerung gesprochen werden kann. zurück zu “Glaubwürdigkeit” zurück zum Seitenanfang
Quellen (und Link zu Literaturseiten): Schmidt, K. O. (1962) Wir leben nicht nur einmal / 111 Rückerinnerungen an frühere Leben, Berichte und Tatsachen, Heinrich Schwab, Argenbühl-Eglofstal, S. 262, ISBN: 3-7964-0062-0 Passian Rudolf (1985) Wiedergeburt / Ein Leben oder viele?, Knaur, München, S. 31, ISBN: 3-426-04154-5
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